Was bisher geschah

1999 erhielt die Tempelhofer Gruppe des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) den bezirklichen Umweltpreis für ihr Konzept eines Fahrradroutennetzes. Die “Veloroute Tempelhof” des BUND basierte angesichts der lang gezogenen Form des Bezirks auf einer Nord-Süd-Verbindung von der Boelckestraße ins Lichtenrader Zentrum. Sie sollte westlich des Tempelhofer Damms verlaufen und vorwiegend Nebenstraßen benutzen. 
Statt Fahrradwegen auf Bürgersteigen sah die “Veloroute Tempelhof” vor allem Fahrstreifen auf den Straßen vor. Straßen wie die Blumenthal- und die Werderstraße, die mit Kopfsteinpflaster belegt sind, sollten dafür mit Asphalt versehen werden. Zudem forderte der BUND den Neubau einer Fahrradbrücke über den Teltowkanal. Auch Abzweige der “Veloroute” nach Neukölln und Steglitz waren vorgesehen. Dennoch blieben die Vorschläge des BUND nur Papier: Angesichts der schlechten Haushaltslage war laut Bezirksverwaltung an eine Umsetzung in den nächsten fünf Jahren nicht zu denken.

"Geisterad" zum Gedenken an den Unfalltod des 14jährigen Mädchens 2008.

“Geisterad” zum Gedenken an den Unfalltod des 14jährigen Mädchens 2008.

Am 11.03.2008 kam es zu dem entsetzlichen Unfalltod eines 14jährigen radfahrenden Mädchens, das während des damaligen BVG-Streiks vor Woolworth Alt-Tempelhof beim Einfädeln in den Fließverkehr auf den Tempelhofer Damm von dem Anhänger eines Lkw überrollt wurde. Über den schrecklichen Unfalltod berichtete der Tagesspiegel am 11.03.2008 in einer Kurzmeldung – nur zwei Wochen später wäre sie 15 Jahre alt geworden – und am 06.06.2008 mit einem ergreifenden Nachruf. Achtung: beim Lesen benötigt man starke Nerven!

Bittere Ironie ist es, dass die Verkehrslenkung Berlin (VLB) auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Tempelhof-Schöneberg nur wenige Monate zuvor „keine andere Möglichkeit einer verbesserten Verkehrsführung“ gesehen hatte, als, den „im südlichen Abflussraum liegenden Taxihalteplatz … um einige Meter zu verlegen“. Dies könnte, so die VLB, „die Strecke zum Einfädeln der Radfahrer verlängern und … ggf. zu mehr Übersichtlichkeit führen“, würde aber „ansonsten keine Erleichterung für den Radverkehr darstellen“ (Drs 0329/XVIII) „Radfahrersicherheit am Tempelhofer Damm – Einfädelung in den Fließverkehr am Radweg-Ende Höhe Alt-Tempelhof ermöglichen!“
Der Taxihalteplatz wurde einige Monate später tatsächlich weiter südlich verlegt, so dass die Strecke zum Einfädeln in den Fließverkehr etwas länger geworden ist.
Das grundsätzliche Problem besteht aber nach wie vor: dichter Kfz-Verkehr (mehr als 50.000 Kfz pro Tag), keine Radverkehrseinrichtungen – und dies bei häufig a) überhöhter, nicht angepasster Geschwindigkeit der Kfz-Führer, b) nicht eingehaltenem Bremsabstand sowie c) zu nahem Überholen von Radfahrer_innen.
316005-36kBereits im April 2008 stellten die Grauen Panther in der BVV den Antrag, ein Verkehrskonzept für den Tempelhofer und Mariendorfer Damm zu erarbeiten (“Lkw-Verkehr auf dem Tempelhofer / Mariendorfer Damm”; Drs 0627/XVIII).
Die GRÜNEN und die SPD drängten in der BVV darauf, den Fahrradverkehr dabei besonders zu berücksichtigen (“Lärm reduzieren, Sicherheit erhöhen – ein Verkehrskonzept für die B96”; Drs 0628/XVIII  sowie Drs 0633/XVIII).
Und im Mai 2008 forderte das Tempelhof-Schöneberger Kinder- und Jugendparlament (KJP) einen “Fahrradweg am Tempelhofer” (Drs 0762/XVIII).
Die Forderung des KJP ist bis zum heutigen Tag nicht erfüllt und dessen Erfüllung ist auch nicht abzusehen. Dies führte auf der B96 zu weiteren Verletzten Radfahrer_innen.
Radzeit1_2008Die RadZeit 1/2008 des ADFC widmete dem Thema ihre Titelgeschichte “Nadelöhr am Tempelhofer Damm” mit Interviews, Hintergründen und Vorschlägen zur Verringerung der Gefahren.
Dennoch gibt es bis heute keine sichere, durchgängige und legale Nord-Süd-Verbindung für Radfahrer im Herzen von Tempelhof.

Der Unfalltod des 14jährigen Mädchens gab zwar den Impuls zur Gründung des FahrRats Tempelhof-Schöneberg im Oktober 2008. Der damalige Baustadtrat Schworck äußerte dazu in einer Pressemitteilung: “Ich könnte mir vorstellen, den Tempelhofer Damm als erstes Thema in Angriff zu nehmen“. Von Verbesserungen für Radfahrer auf der B96 hat man seitdem allerdings nichts gehört.

Im September 2010 versuchte die örtliche SPD mit “Perspektiven für die Tempelhofer Nord-Süd-Achsen!” (Drs 1565/XVIII), die sogenannte ‘Monsterdrucksache’)” Bewegung in die Angelegenheit zu bringen. Ziele waren u.a. den Tempelhofer Damm durch Verbot für Schwerlastverkehr über 7,5 Tonnen und Tempo 30 (Verringerung von Lärm und Feinstaub), der Anlage von Radverkehrseinrichtungen und Lieferzonen zu einer “vitalen Einkaufsstraße” sowie die Rathaus- / Alarich- / Manteuffel- und Boelckestraße zu einer “verträglich gestalteten Hauptverkehrsachse” zu machen.
Ist Ihnen das Ergebnis bekannt? Sie ahnen es, nicht wahr?

Der FahrRat Tempelhof-Schöneberg hat seit April 2015 endlich eine eigene Webseite auf der Domain des Bezirks (deren Umsetzung im Behördendschungel übrigens satte zwei Jahre gedauert hatte).

Die AG Nebenrouten des FahrRats Tempelhof-Schöneberg legte ihren Abschlussbericht mit elf Nebenrouten und einer Hauptroute im Februar 2014 vor. Mit der Planung und Umsetzung des Konzepts wird 2016/17 begonnen werden. Wegen Zwangspunkten und Engstellen (Teltowkanal, Bahntrassen) konnte jedoch keine “Routenführung über Parallelstraßen zur B96 (Mariendorfer Damm – Tempelhofer Damm) in unmittelbarer Nähe dieses Straßenzugs” gefunden werden. Die lokalen Zentren des Bezirks – Kaiserin-Augusta-Straße, Ullsteinstraße, Westphalweg – werden weiträumig umfahren. Die geplante Umfahrung zwischen Alt-Tempelhof und Alt-Mariendorf ist deshalb 74% länger als die direkte Verbindung auf der B96 (5,4 statt 3,1 km) und beinhaltet mehrere Hürden, wie z.B. die Querung der Gersdorffstraße am Teltowkanal und die teilweisen Asphaltierungen von Blumenthal- und Werderstraße.
Aktuell wird im Fachbereich Straßen (FB Straßen) des Bezirks an der Ausschreibung der Planung der priorisierten Nebenrouten NR1 S-Bhf. Attilastr. nach Lichtenrade / Kleinziethen, NR7 Rathaus Steglitz bis Alt-Britz und NR11 Potsdamer Platz bis Innsbrucker Platz / Bhf. Südkreuz gearbeitet. 230.000 Euro wurden für Planung und Umsetzung im Bezirkshaushalt 2016-17 zweckgebunden; die bauliche Umsetzung soll 2017 beginnen.
Im Oktober 2014 stimmte die 1. Senioren Bezirksverordnetenversammlung (SenBVV) in die Forderung nach “Radverkehrswegen zwischen Alt-Mariendorf und Alt-Tempelhof” ein. Die Antwort war abschlägig: solche Maßnahmen stünden “aufgrund der geringen vorhandenen Fahrbahnbreiten im Interessenkonflikt mit dem ruhenden Verkehr”, hieß es.

Das Kinder- und Jugendparlament (KJP) wiederholte seine Forderung nach einer “Radwegverbindung zwischen Alt-Tempelhof und Alt-Mariendorf” im März 2015 (Drs 1445/XIX ). Die lapidare Antwort des Ausschusses für Verkehr und Grünflächen lautete: “Der Antrag … wird nicht weiter verfolgt, da er sich durch Verwaltungshandeln erledigt hat.”
Was wohl damit gemeint war? Das Thema ist mitnichten erledigt!

Die 2. Senioren-Bezirksversammlung (SenBV) fragte den gleichen Sachverhalt im April 2016 nochmals an. Die Antwort war widerum abschlägig; das Protokoll der 2. SenBV liegt noch nicht vor.

Die im Frühsommer 2014 gebildete AG Radverkehrsstrategie (AG RVS) des FahrRats Tempelhof-Schöneberg legte im Februar 2016 seine bezirkliche Ausarbeitung  “Ziele, Mittel und Maßnahmen für die Umsetzung der Berliner Radverkehrsstrategie (RVS) in Tempelhof-Schöneberg“ – nach langem Tauziehen mit den Parteivertretern der in der BVV vertretenen Fraktionen – im Konsens vor. Sie wurde Ende April 2016 im FahrRat einstimmig beschlossen und wird z.Zt. der BVV vorgelegt.

Im Frühjahr 2016 gründete sich ‘Alternativrouten für Radfahrer zur B96’, deren Ergebnisse ihr hier seht. Die erste öffentliche Info-Veranstaltung – angekündigt vom Tagesspiegel (mit lesenswerten Kommentaren) und der Berliner Woche, Ausgabe Tempelhof Nord – mit Vortrag, konstruktiver Diskussion und anschließender Befahrung, fand am Do 19.05.2016 statt. Die zweite öffentliche Diskussionsveranstaltung – diesmal mit Vertretern aller drei Fraktionen der BVV Tempelhof-Schöneberg – fand am Do 23.06.2016, ebenfalls angekündigt im Tagesspiegel  (mit lesenswerten Kommentaren) sowie einer Pressemitteilung des ADFC Landesverbands Berlin statt.

UPDATE:
Im Frühjahr 2017 gründete sich eine neue Inititiative: Das Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg. Aktive des Volksentscheid Fahrrad und der adfc-Stadtteilgruppen arbeiten seitdem sehr erfolgreich an der Durchsetzung einer neuen Lösung für den Tempelhofer Damm. Das umfangreiche Konzept, das hier heruntergeladen werden kann, sieht eine geschützte Radspur auf dem Tempelhofer Damm vor.
Aktuelle Entwicklungen zum im Sommer 2017 eingereichten Einwohnerantrag an die BVV finden gibt es auf der Webseite des Netzwerkes.